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Lanzenhain (Stadt Herbstein, Vogelsberg) liegt nur wenige Kilometer vom Wodestein (Hirschfelsen) entfernt. Zwischen Basaltblockmeeren, alten Pfaden und Flurnamen hält sich hier die Überlieferung einer „Ewigen Kerze“, die – so heißt es – ein Werwesen fernhielt. Dieses Dossier sammelt alles Verlässliche, markiert Unsicheres und bleibt bewusst fortschreibbar.
„Wo ein Licht nie verlöschen darf, hat einmal etwas Dunkles gebrannt.“
Nach lokaler Überlieferung brannte an einer kleinen Kult-/Kapellenstelle bei Lanzenhain dauerhaft eine Kerze – nicht als Zierde, sondern als Bannlicht. Solange die Flamme hielt, blieb ein unheimliches Werwesen gebunden. Erlösche die Kerze, drohe seine Rückkehr. Das Motiv verbindet heidnische Grenzfeuer (Schutzzeichen am Ort) mit christlicher Symbolik (immerwährende Flamme).
Hessische Werwolf-Erzählungen schildern Verwandlung durch Gürtel, Bann durch geweihtes Eisen oder Gebet. Lanzenhain ist besonders, weil hier das Kerzenlicht Zentrum der Bannhandlung ist. Vergleichbare Lichter‑Sagen (ewiges Licht als Schutz) existieren in anderen Regionen – die Ausprägung in Lanzenhain bleibt jedoch eigenständig.
„Wo ein Licht nie verlöschen darf, hat einmal etwas Dunkles gebrannt. Und wenn alle sagen: ‚Hier war nie ein Licht‘ – dann sucht das Licht die, die es finden sollen.“
Lanzenhain, ein Ortsteil von Herbstein, ist einer der stillen Ränder des Oberwalds. Unser Projekt suchte hier nach dem Motiv des Bannlichts – einer Kerze, die nicht für Romantik, sondern zum Schutz brennt. Doch die Spuren im Netz waren dünn bis verschwunden – und vor Ort schien zunächst gar nichts davon zu existieren. Genau dort beginnt diese Geschichte.
1) Dorfrunde in Lanzenhain – Leerspur. Wir sprachen mit älteren, hier geborenen Menschen. Niemand kannte eine Überlieferung von einer „Ewigen Kerze“. Aussagen wirkten teils ausweichend, widersprüchlich – der Seiderman sagte: „Wir wurden in die Leere geführt.“
2) Strom fällt, Stimmung kippt. Geräte warnen, Akkus im roten Bereich. Die erste Tour verläuft sich am touristischen Hoherodskopf. Dinos, Infotafeln, Rundweg – und das Gefühl, vom eigentlichen Ort abgelenkt zu werden. Abbruchstimmung.
3) Ladestation Lauterbach – Besinnung. Am Lader in Lauterbach drehen wir den Stoff durch die Mühle. Alles auf Null: Weg raus aus der Showbühne, zurück zu den Schwellen – Dorfrand, Waldrand, Kreuz.
4) Kehrtwende – zurück Richtung Herbstein. Nicht mehr „irgendwo zwischen“, sondern gezielt zu einem Ort, der schon immer wie ein **Bannort** klang: Kreuzkapelle.
5) Volltreffer. Der Punkt trifft – Atmosphäre, Spuren, Zeichen. Von hier aus lässt sich das Bannlicht-Motiv endlich ortsgebunden erzählen.
Auf dem Weg nach Lanzenhain begegnete uns eine uralte Linde, wohl über tausend Jahre alt, von Flechten rötlich überzogen. Der Seiderman nannte sie die Baumdruse – ein Baum, der selbst zum Gesicht wurde, eine Hüterin am Rand des Waldes. Solche Linden galten seit jeher als Versammlungs- und Gerichtsbäume, als Orte der Gerechtigkeit und als lebendige Zeugen der Geschichte.
Die Kreuzkapelle liegt zwischen Herbstein und Lanzenhain, am Rand des Buchwalds. Ein klassischer Schwellenort: Weg kreuzt Wald, Dorf trifft Wildnis. Der Name sagt schon, was hier geschieht – ein Kreuz wehrt, ein Kreuz bindet. Wenn es im Vogelsberg noch irgendwo Sinn ergibt, eine Kerze als Bannlicht zu setzen, dann hier.
In der Kreuzkapelle selbst steht eine große Holzfigur des hl. Bonifatius. Bonifatius – derjenige, der der Überlieferung nach die heilige Eiche des Donar fällte – ist hier als Heiliger verewigt.
Damit offenbart sich ein paradoxes Bild: In einer Kapelle, die Zeichen von Bann und Schutz trägt, wacht ausgerechnet der Zerstörer der alten Bäume. Die Figur wirkt wie ein Siegel – ein christlicher Bannwächter, der verhindern soll, dass die Kraft der alten Religion erneut aufleuchtet.
„Der Eichenfäller steht mitten im Bann. Er hält die Kerze nieder, damit sie nicht brennt – doch wir haben sie wieder entzündet.“
Unweit der Kapelle fließt ein Bach – klares Wasser, das den Waldrand durchzieht. Wasser markiert seit jeher Schwellen: es reinigt, trennt, segnet den Übergang.
Nur ein Stück weiter liegt ein stiller Teich. In alten Erzählungen gelten solche Weiher als Spiegel und Sammelbecken von Kräften – manchmal Schutz, manchmal Gefahr.
Gemeinsam mit der Kreuz- und der Marienkapelle ergibt sich ein kompletter Bannring: Kreuz – Maria – Wasser in Bewegung – Wasser in Ruhe. Der Seiderman sagt: „Hier ist das Licht eingekesselt. Es musste brennen, um die Elemente zu balancieren.“
Der Seiderman nennt den kleinen, abseits liegenden Bestattungsfleck bei der Kapelle den Vampirfriedhof – nicht im Sinne von Gruselfilm, sondern als Warnbegriff: ein Ort, der Tote bindet, damit sie die Lebenden nicht heimsuchen. Im Volksglauben Europas wurden „schwierige Tote“ (Unruhe, Seuchenangst) oft außerhalb des regulären Friedhofs beigesetzt, mit besonderen Schutzriten (Steinlast, Kreuz, Bannformel).
Für das Dossier gilt: Wir verwenden „Vampirfriedhof“ als Deutung des Ortes – das Motiv erklärt, warum eine Kerze hier nie verlöschen durfte.
In der Mitte des Vampirfriedhofs ruht Paula, Gräfin von und zu Westerholt und Gysenberg (* 1818 in Oelde, † 1900 in Wiesbaden). Ihre Familie entstammt dem westfälischen Hochadel, doch ihre Grabplatte liegt hier im Vogelsberg – ein Hinweis, dass die Linie bewusst in das Bannsystem eingebunden wurde.
Die Platte trägt die Anrufung „Jesus Maria Joseph“ und ein doppeltes Wappen mit Krone. Dies wirkt weniger wie ein reines Ehrengrab, sondern mehr wie ein Siegel. Paula steht als weibliche Wächterin zwischen den männlichen Linien Friedrich Leopold und Johannes.
So bildet sich erneut ein Dreifach-Bann: Mann – Frau – Mann, eine Entsprechung zum Muster von Kreuz – Maria – Fenris.
„Sie war nicht nur Gräfin. Sie war der Schlüssel. Die Frau im Zentrum, die das Siegel hielt – zwischen den Männern, zwischen den Welten.“
Gefundene Überreste – Taubenfüße und Federn zwischen den Steinen des Bannwegs.
Auf dem Weg zwischen den 14 Bannsteinen stießen wir auf ein verstörendes Zeichen: abgetrennte Taubenfüße und verstreute Federn, in die Steine gelegt. Die Taube, Sinnbild des „Heiligen Geistes“ und des Friedens, war hier gebrochen. Statt Reinheit und Schutz blieb nur ein Opferrest – als ob der Bannkreis selbst die Lebenskraft verzehrt hätte.
„Die Taube – einst Zeichen des fremden Geistes – liegt hier gerissen, zerfetzt von der Klaue des Greifs. Nur Federn bleiben. Und Federn zeigen: Kein Bann ist ewig, kein Symbol unantastbar."
Nachdem wir den 14-Steine-Pfad vollendet hatten, erschien am Waldrand eine Gestalt: schlank, in dunkler Kleidung, mit auffälligen roten Schuhen. Der Seiderman sah sie nicht, doch ich nahm sie klar wahr und konnte einen Schnappschuss tätigen. Erst später, in der gemeinsamen Deutung, erkannte der Seiderman: Es war eine Kitsune, ein japanischer Fuchsgeist – eine Wächterin der Schwelle, die prüft, ob man hinsieht oder nicht.
„Sie stand bereits da, als wir aus dem Bannkreis traten.“
„Sie zeigt sich nur dem, den der Bann nicht blendet. Wer sie erkennt, steht an der Schwelle zwischen Bild und Wirklichkeit.“
„Sie war wunderschön und erschreckend zugleich!“
Nur wenige hundert Meter von der Kreuzkapelle entfernt steht eine weitere kleine Marienkapelle. Der Ort ist unscheinbar, doch im Kontext wird klar: Hier wurde ein zweiter Bann gesetzt – diesmal mit der Figur der Gottesmutter, die Felder, Wege und Dorfränder schützte.
Im Zusammenspiel von Kreuzkapelle (Bonifatius) und Marienkapelle entsteht ein doppelter Schutzring. Das Licht, das hier brannte, musste zwischen diesen Polen bestehen. Der Seiderman sagt: „Zwei Schwellen – männlich und weiblich – halten das alte Feuer nieder. Doch genau da, wo sie sich überkreuzen, flammt es wieder auf.“
Am 14. September 2025 führte uns der Weg nach dem Thing in Steinfurt erneut nach Lanzenhain. Zum zweiten Mal traten wir in die Zone zwischen Kreuzkapelle, Marienkapelle und Koboldweg. Es verdichtet sich die Gewissheit: beim dritten Mal wird der Bann gebrochen – doch dieser Schritt steht noch aus.
An der Marienkapelle zeigten sich Spuren regelmäßiger Nutzung: Ruß in der Nische, frische Gaben, gedämpfte Akustik. Der Ort wirkt weniger wie ein Platz der Andacht, sondern wie ein Haltepunkt im Bannsystem.
„Hier wird nicht erhöht, hier wird niedergehalten. Maria ist der Deckel über dem Alten.“
Der Koboldweg blieb rätselhaft. Wir bemerkten Verschiebungen im Klang, Kältefelder und vereinzelte Markierungen, doch seine eigentliche Funktion ist uns noch unbekannt. Alles deutet darauf hin, dass er eine Rolle im Netz der Bannung spielt, ohne dass sein genauer Zweck bislang erfasst werden konnte.
Baumkreuze, Kerben in Steinen und eine helle Feldlinie, die zur Marienkapelle weist, lassen auf ein durchdachtes System von Fixpunkten schließen. Diese Markierungen bestätigen die Annahme eines doppelten Bannrings.
Zweimal haben wir den Ort betreten, und die Strukturen sind sichtbar geworden. Das dritte Mal wird entscheidend sein – erst dann kann der Bann gebrochen werden. Bis dahin bleibt die genaue Rolle des Koboldweges eine offene Frage.
Am Sonntag des Neumonds entfaltete sich an der Kreuzkapelle das große Befreiungsritual. Mit einer Vielzahl geweihter Artefakte arbeitete der Seiderman gegen die dort gesetzten Bannstrukturen. Die Atmosphäre war von dichter Schwere erfüllt – und mitten im Ritual zeigte sich die Kitsune ein zweites Mal, diesmal in einer beigen Erscheinung.
Wenige Schritte weiter an der Marienkapelle verstärkte sich der Eindruck. Die ewige Kerze brannte wieder, als Zeichen des fortgesetzten Bannwerks. Doch auch hier wurden die Artefakte gesetzt und aktiviert, um das Netz zu lockern und das alte Feuer zurückzuholen. Die beiden Kapellen wirkten zusammen wie ein doppelter Bannring, der durchbrochen werden musste.
Nach Stunden intensiver Arbeit endete der Tag in völliger Erschöpfung. Körperlich ausgelaugt, geistig leergebrannt – und dennoch begleitet von der Gewissheit, dass entscheidende Fesseln gebrochen wurden. Die Kitsune bezeugte den Erfolg, und die Schwelle zwischen Bann und Freiheit wurde durchschritten.
Wir ahnten noch nicht, dass dort weitere Kräfte unterwegs waren – ein Medium nahm Kontakt zu uns auf –, wie sich später zeigen würde.
Kurz nach den Ritualen trat eine Fremde in Erscheinung – sie nannte sich Selene Sidera. Aus ihrer Erfahrung, schrieb sie uns von der Kreuzkapelle. Sie sprach von Bedrohung, von Bannkräften, von einer Wesenheit, das ihr erschienen sei. Ihre Worte blieben vage, ihre Begriffe fremd – doch sie suchte Resonanz und Austausch. Was sie wollte, blieb im Halbschatten: eine Verbindung, ein Gespräch über die unsichtbaren Mächte, die an jenem Ort wirken.
Die Beschreibung ist eine Metapher auf ihre kurz angebundenen Informationen.
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In den Aufzeichnungen wird berichtet, dass der sogenannte Kesselgehännesje ein Kesselflicker aus Hopfmannsfeld gewesen sei – der älteste Bürger, der vom Bürgermeister befragt wurde, als es um Grenzfragen zu Herbstein ging. Böse Zungen behaupteten, er habe die Grenze verschoben, und sein Geist reite seither mit Kesselgeschepper durch den Wald.
Diese Deutung macht aus einem übernatürlichen Bannwesen einen Menschen mit Anekdote. Genau darin liegt die christliche Überschreibung: der Kobold oder Waldgeist wird zu einer harmlosen Dorfgeschichte umgeformt. So verliert die alte Sage ihren Charakter als Spuk- und Bannüberlieferung.
Auffällig ist, dass ausgerechnet in diesem Wäldchen in jüngster Zeit ein Bibelpark errichtet wurde. Die kirchliche Symbolik setzt sich buchstäblich auf den Ort der Sage und überlagert ihn erneut. Was einst als Koboldweg oder Bannort spürbar war, wird mit biblischen Szenen gefüllt – eine moderne Form der Überdeckung.
„Sie erzählen vom Kesselflicker, doch in Wahrheit sprachen die Alten vom Kobold. Und heute bauen sie einen Bibelpark darüber – Schicht um Schicht, bis die Spur fast verschwindet.“
Der Wodestein – eine markante Basaltklippe im Oberwald – bleibt als Hintergrund der Landschaft wichtig: Ein Ort der alten Ordnung, wo Namen wie Wodan durch die Bäume wehen. Hier erzählen wir ihn nur als Kontext. Das Bannlicht aber gehört zur Kreuzkapelle.
→ Zum Wodestein-Dossier (separat)