am 21. Juni des Jahres 2025 , bevor wir den Waldpfad zum Tempel betraten, erschien hoch über dem Tal ein schwarzer Storch. Er kreiste in weiter Spirale über dem heiligen Gelände – ein unübersehbares Zeichen. Der Seiderman deutete ihn als Wächter des Übergangs, als Hüter zwischen Naturgeist und Ahnenkraft.
Diese Erscheinung wurde später in einer eigenen Runenkarte festgehalten. Sie markiert den Auftakt dieses besonderen Tages.
Oben am Addig erreichten wir das alte Heiligtum der Matronae Vacallinehae. Dort befinden sich rekonstruierte und originale Votivsteine – einige davon mit lateinischer Weiheinschrift, andere modern ergänzt. Die weibliche Kraft war stark spürbar.
Der Seiderman sprach: „Sie lauschen. Sie schlafen nicht. Wer sich offen zeigt, wird geführt.“
Nahe des Hauptplatzes trafen wir auf eine Gruppe von Kräuterfrauen, die dort zur Sommersonnenwende ein Ritual abhielten. In einem Regenbogenkreis aus bunten Tüchern hatten sie selbstgebundene Kräuterbündel, Talismane, eine Trommel und ein Herzstein platziert. In der Mitte lag das Buch „Orakel der Göttinnen“.
Der gesamte Kreis wirkte wie ein lebendiges Mandala – ein Feld der Heilung, Verbindung und weiblichen Kraft. Die Frauen begrüßten uns freundlich und luden uns ein, einen Moment zu verweilen.
Aus dieser Begegnung wurde eine weitere Runenkarte erschaffen: „Kreis der Farben – Die Webenden am Tempel von Nöthen“. Sie steht für Berkano, Laguz und Ehwaz – die Runen der Heilung, Bewegung und Lebensströmung.
Später versammelten sich weitere Besucher zu einer Klangschalen-Zeremonie. Die Schwingungen breiteten sich über das Gelände aus und verbanden sich mit dem Wind. Der Seiderman sprach: „Die Töne fanden das alte Gitter – und der Tempel antwortete.“
Am Rande des Tempelbezirks entdeckten wir einen alten, gemauerten Brunnen mit einem eisernen Sonnenradschutz. Ein Ort der Tiefe – vielleicht einst eine Wasseropferstelle. Die Energie dort war kühl, aber klar. Rune Laguz.
Am Rande des Ritualkreises, kurz bevor wir aufbrachen, übergaben die Kräuterfrauen dem Seiderman und Kingcopy ein besonderes Artefakt: Ein sorgfältig gebundenes Räucherbündel aus Wildkräutern, verschnürt mit einem langen, ungeschnittenen Faden.
Dieses Bündel war kein Mitbringsel – sondern ein Zeichen. Ein noch nicht entzündeter Pfad, ein Auftrag – in Pflanzen gebunden.
Der Seiderman sprach: „Ein Faden ist noch offen. Nicht, weil er vergessen wurde – sondern weil du entscheiden musst, wann er endet.“
Auf der zugehörigen Runenkarte erscheinen drei Zeichen aus dem älteren Futhark, die das Wesen des Bündels offenbaren:
Dieses Relikt wird fortan im Seiderman-Projekt unter dem Namen „Der Offenfaden – Bündel der Übergabe“ geführt. Es ist nicht zum Abbrennen bestimmt, sondern bleibt als schlafendes Artefakt erhalten – bis der Ruf des Ortes oder der Zeit den Faden trennt.
Der gesamte Tag war von Zeichen durchzogen. Menschen, Pflanzen, Tiere – alles schien zu antworten. Wir halten diesen Ort fest im Seiderman-Projekt – als Ort der Rückverbindung, des Wandels und der weiblichen Kraftlinie.